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Der nächste Morgen begann mit sanftem Licht, das durch die Vorhänge fiel. Piep saß auf der Fensterbank und beobachtete Spatzi, die still in ihrem Stuhl saß. Ihr Blick war nachdenklich, manchmal wirkte er wie in eine ferne Welt gerichtet. Die linke Seite ihrer Welt war noch immer unscharf, ein Schatten, der nicht weichen wollte. Piep spürte, dass es Zeit für ein neues Abenteuer war.

„Spatzi“, piepste er leise, „ich kenne jemanden, der dir helfen kann, besser zu sehen.“

Spatzi hob den Kopf und schaute Piep an. „Jemanden? Wer könnte mir denn helfen, kleiner Freund?“

Piep flatterte aufgeregt mit seinen Flügeln. „Die Schmetterlinge! Komm mit mir, ich zeige es dir.“

Spatzi lächelte müde. Sie wusste, dass der kleine Vogel voller Ideen steckte. Sie wollte ihm vertrauen. Piep flog zur Tür und Spatzi ließ sich mit etwas Mühe in ihren Rollstuhl helfen. Der Weg durch den Garten war kurz, doch heute wirkte er wie ein kleines Abenteuer. Die Blumen wogten im Wind, und Vögel zwitscherten ihre Lieder.

Am Ende des Gartens führte Piep sie zu einer kleinen Wiese, die Spatzi lange nicht mehr bewusst betrachtet hatte. Als sie dort ankamen, flatterten plötzlich überall Schmetterlinge. Es war ein Tanz aus Farben – gelb, blau, orange und sogar einige schneeweiße Schmetterlinge schwebten wie zarte Blätter durch die Luft. Sie setzten sich auf Blumen, flogen im Kreis und schienen miteinander zu spielen.

„Siehst du sie, Spatzi?“, rief Piep und flatterte aufgeregt über das hohe Gras. „Schmetterlinge sind die besten Lehrer für das Sehen. Sie sind so leicht und schnell, dass man genau hinsehen muss, um sie zu erkennen.“

Spatzi schaute still in die Wiese, ihre rechte Seite nahm die Pracht klar wahr, doch links verschwammen die Farben. Sie fühlte Frustration in sich aufsteigen, aber Piep ließ nicht locker.

„Lass uns ein Spiel spielen, Spatzi“, piepste er. „Ich fliege zu einem Schmetterling und beschreibe ihn. Du versuchst, ihn zu sehen.“

Piep flog zu einem kleinen, hellblauen Schmetterling, der sich auf einer Butterblume niedergelassen hatte. „Er ist blau, fast so wie ich“, rief Piep. „Seine Flügel sind dünn und glänzen wie ein Stück Himmel. Kannst du ihn sehen, Spatzi?“

Spatzi drehte ihren Kopf langsam und konzentrierte sich. Es war schwer. Die linke Seite fühlte sich an wie ein grauer Vorhang, der nicht zur Seite wollte. Aber sie ließ sich Zeit. Ihr Blick wanderte suchend über die Wiese, bis sie endlich einen kleinen Fleck blau sah. Ein Schmetterling! Vielleicht war es nur für einen kurzen Moment, aber sie sah ihn.

„Da ist er“, flüsterte sie.

Piep flatterte vor Freude wild in die Luft. „Ja, genau da! Du hast ihn gefunden. Genauso geht es: langsam, aufmerksam und Schritt für Schritt. Die Schmetterlinge tanzen nicht, um schnell zu sein. Sie tanzen, um gesehen zu werden.“

Spatzi lächelte zum ersten Mal an diesem Tag. Vielleicht war die linke Seite ihrer Welt nicht verloren. Vielleicht brauchte sie nur Geduld und ein Spiel wie dieses, um wieder klarer zu sehen.

Piep begann, zu immer neuen Schmetterlingen zu fliegen. Ein gelber hier, ein weißer dort. Jeder kleine Erfolg brachte Spatzi mehr Freude. Sie konnte die Farben erkennen, die Bewegung wahrnehmen, und jedes Mal, wenn es ihr gelang, lobte Piep sie mit einem fröhlichen Piepsen.

Am Nachmittag, als die Sonne schon tiefer stand, saßen Spatzi und Piep noch immer auf der Wiese. „Weißt du, Spatzi“, sagte Piep schließlich leise, „dein Blick ist wie ein Garten. Wenn wir geduldig pflegen, was wächst, werden die Farben zurückkehren.“

Spatzi streckte langsam ihre rechte Hand aus, und ein kleiner Schmetterling setzte sich zart auf ihre Finger. Sie spürte sein Flattern, sein Gewicht, und in diesem Moment war ihr Herz leicht. Sie sah nicht nur die Farben – sie fühlte sie.

„Danke, kleiner Piep“, flüsterte sie. „Dein Tanz der Schmetterlinge ist genau das, was ich brauche.“

Piep zwitscherte fröhlich, stolz auf seine Lehrstunde. „Schritt für Schritt, Spatzi. Irgendwann tanzt auch dein Blick wieder so leicht wie die Schmetterlinge.“

An diesem Abend, als Spatzi zurück ins Haus rollte, fühlte sie etwas Neues: Hoffnung und Klarheit. Die linke Seite der Welt war noch nicht ganz zurück, aber sie war auf dem Weg – und Piep war an ihrer Seite.

Im Garten sah der kleine blaue Vogel noch lange zu den Schmetterlingen hinauf. Sie flatterten im Abendlicht, und es war, als würden sie leise sagen: „Es wird gut, Spatzi. Es wird gut.“